Eine Analyse der Hamburger Olympia-Plakatkampagne

Seit dieser Woche hängen überall in der Stadt Hochglanzplakate, die die Hamburger Bevölkerung davon überzeugen soll, beim Referendum am 29. November für Olympia zu stimmen. Nicht nur, dass sie von schon von der Aufmachung her die Stadt nicht wirklich verschönern (und dafür von Experten auf der Marketingplattform HORIZONT kritisiert wird), sind sie inhaltlich falsch oder stark verkürzt. Wir haben uns die Plakate mal genauer angeschaut:

 

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Hier wird suggeriert, dass durch Olympia der Radverkehr in Hamburg gestärkt werden würde. Dabei hat die größte Interessenvertretung der Radfahrerinnen und Radfahrer, der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC), erst kürzlich erhebliche Zweifel daran geäußert: „Eine Zunahme des motorisierten Verkehrs in der Stadt infolge von Olympia sind nicht mit dem erklärten Ziel des Senats vereinbar, Hamburg zur »Fahrradstadt« auszubauen.“ Ein Mobilitätskonzept liegt nämlich noch gar nicht vor und viele Fragen sind beim Referendum noch offen. Wie wirkt sich der Olympiaverkehr (Sportlerinnen und Sportler, Journalistinnen und Journalisten, Zuschauerinnen und Zuschauer, Sicherheitspersonal) auf die Verkehrssicherheit auf Hamburgs Straßen aus? Ist garantiert, dass die für den Ausbau des Radverkehrs versprochenen zusätzlichen personellen Kapazitäten in den Behörden dann nicht für die Vorbereitung der Spiele abgezogen werden? Wieso sollte die Stadt ausgerechnet Olympia fahrradfreundlich durchführen, nachdem das bei Großveranstaltungen in der Vergangenheit (Kirchentag, Airport-Days, Hamburg Marathon) nicht geklappt hat?

 

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Grüne Spiele? Ein schönes Bild, das mit der Realität aber nicht viel zu tun hat. Der Naturschutzbund (NABU) hat entgegen der medialen Berichterstattung entschieden, keine Empfehlung zum Referendum auszusprechen. Denn u.a. bei Luftreinhaltung, Lärmschutz und Naturschutz (vor allem an der Dove-Elbe) stehen noch wichtige Klärungen aus.

 

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Ja, wenn das Bevölkerung dem Referendum zustimmen sollte und Hamburg den Zuschlag des IOC bekommen sollte, würde das die Berühmtheit der Stadt sicher steigern. Doch lohnt das den immensen Aufwand, vor allem an Kosten (7,4 Milliarden für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler)? Hamburg ist auch ohne olympische Spiele bereits weltweit bekannt. Barack Obama lobte Hamburg im September bei einer UN-Vollversammlung die Willkommenskultur der Hamburger Bürgerinnen und Bürger gegenüber Flüchtlingen. Und auch die Zeitung New York Times lobte Hamburg ausdrücklich in einem Bericht über das Benefizspiel des FC St. Pauli gegen Borussia Dortmund zugunsten geflüchteter Menschen. Es gibt viel einfachere und günstigere Wege, die Stadt bekannt zu machen.

 

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Nicht nur, dass Hamburg sich bereits 2003 um die Austragung olympischer Spiele beworben hat, es sind Stimmen zu hören, die auch eine Bewerbung für 2028 im Bereich des Möglichen sehen. Der Kampagnenleitsatz „Das gibt’s nur einmal!“ mag für Olympische Spiele in Hamburg im Jahre 2024 zwar stimmen (auch wenn er sehr inhaltslos ist, denn das hat niemand bezweifelt), für immer sind olympische Spiele in Hamburg aber wohl (leider) nicht vom Tisch.

 

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Dem Satz „Weil Sport alle integriert.“ können wir vorbehaltlos zustimmen, er ist aber keine Werbung für Olympia, eher eine Warnung. Denn für den integrierenden Breitensport werden dringend viele kleine dezentrale Sportstätten gebraucht, nicht die geplanten IOC-Großprojekte im Hafen. Denn dort, im Breitensport, ist der Ort, an dem die zweifelsohne wichtige Integration, beispielsweise von Flüchtlingen, stattfindet – mit dem olympischen Spitzensport hat dieses Projekt aber herzlich wenig zu tun. Warum es kein Widerspruch ist, FÜR Breitensport, aber GEGEN Olympia zu sein, haben wir schon hier in einem Blogartikel erklärt.

 

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Der vielleicht dreisteste Werbespruch: Wenn Hamburg(er) durch Olympia nicht länger für Fast Food stehen soll, warum gehört McDonalds (und Coca Cola) dann zu den Hauptsponsoren von Olympia? Im Entwurf des Host-City-Vertrages für 2024 ist McDonalds bereits ein großes Burgerrestaurant in der an zentraler Stelle des Olympischen Dorfes in der sogenannten „Main Dining-Hall“ garantiert. Dieser Zynismus ist wirklich nicht zu überbieten.

 

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Die Spiele sind vielleicht für den IOC und Konzerne ein Gewinn, nicht aber für die durchschnittliche Hamburger Familie. Denn sie wird durch Olympia von steigenden Mieten und sozialer Spaltung bedroht und findet sich im Sommer 2024 in einem Riesengefahrengebiet wieder. Als Dank dafür darf sie dieses Fest auch noch mit ihren Steuern bezahlen. Welch ein Gewinn!

8 Comments

  1. Andreas Schmidt

    Sehr geehrte Verfasser dieses Artikels,
    ich Ihren Aussagen nicht folgen. Insbesondere kann ich Ihren Thesen, dass die olympischen Spiele dem Breitensport nicht foerden wird nicht teilen. Ich bin selber in einem Sportverein aktiv und weiß, dass Sport auch im Breitensport anders funktioniert. Der Breitensport ist die Basis des Spitzensports aus der die Talente und die begeisterungsfähigen Unterstuetzer gewonnen werden. Wenn nunmehr die olympischen Spiele in der eigenen Stadt und im eigenen Land stattfinden, dann sorgt das fuer einen Zuwachs an Begeisterung fuer die einzelnen Sportarten und damit fuer eine Verbreiterung der Sportbasis. Diese wiederum werden dafür sorgen, dass die Sportstaetten in ausreichender Groesse und Guette zur Verfuegung stehen.
    Etwas verärgert bin ich über Ihr Argument, man müsste gegen die Spiele stimmen, weil nicht absehbar sei, inwieweit der OEPNV u.a. durch die Sportler zusätzlich belastet werden würde. Ich wuerde mir schon heute wünschen, dass die jungen Sportler, die schon heute fuer diverse Meisterschaften und Wettkaempfe trainieren umsonst mit Bus und Bahn zu ihren Trainingsstaetten fahren könnten. Das wäre aus meiner Sicht eine einfache und unkomplizierte Sportfoerderung. Hiersein eine Ueberforderung des OEPNV zu sehen, kann ich nicht erkennen und halte ich fuer kleinlich.

    • jugendgegenolympia

      Hallo Herr Schmidt,

      das sehen wir genauso wie Sie: Der Breitensport ist die Basis des Spitzensports, dort werden Talente erkannt und gefördert. Damit das so bleibt, muss der Breitensport gefördert werden. Es mangelt in Hamburg nicht an der Begeisterung für den Sport, sondern an den Angeboten. Am Beispiel FC St. Pauli kann man das ganz gut beobachten: Dort werden in vielen Abteilungen beim Amateursport keine neuen Mitglieder mehr aufgenommen, weil es nicht genügend Sportstätten gibt. Die Bäderland-Schwimmhalle in St. Pauli ist seit diesem Sommer sonntags geschlossen, weil 2.400 € monatlich fehlen (siehe: http://www.die-linke-hamburg.de/presse/detail/artikel/kein-geld-fuer-breitensport-schwimmbad-st-pauli-am-sonntag-geschlossen.html). So wird der Breitensport wegen mickriger Beträge links liegen gelassen und stattdessen Milliarden in die Olympiabewerbung gepumpt. Wer Sport will, muss Olympia ablehnen.

      Dass man gegen Olympia stimmen müsse, weil der ÖPNV durch Sportlerinnen und Sportler zusätzlich belastet werden würde, haben wir gar nicht geschrieben. Uns ging es in der Analyse lediglich um die Falschaussagen zum Bau neuer Radwege und das fehlende Mobilitätskonzept. Eine Überforderung des ÖPNV sehen wir nicht, befürchten aber, dass das Ziel, Hamburg bis in die 20er-Jahre zur „Fahrradstadt“ auszubauen, durch Olympia ins Stocken gerät, weil Ressourcen (sowohl finanziell als auch personell) für andere Projekte genutzt werden.

      Sportliche Grüße,
      Jugend gegen Olympia

  2. Bernd Baron

    …es treibt einem/MIR schon die Wut in den Kopp festzustellen, dass bei doch schon ausreichend vorhandenen Problemfeldern und den schon ohne Olympia bekannten finanziellen Problemen der Stadt/ des Landes Hamburg, für diese Protzveranstaltung sowie der Eitelkeiten einiger weniger Eingebildeter,wahrhaftig über sieben Milliarden Euro aus dem Fenster geschmissen werden „sollen“.
    Man mag mir mal erklären, wie die 50 Millionen, allein nur für den „Bewerbungstanz“, zu rechtfertigen sind; was könnte man damit schon Wohnungen bauen und soziale Hilfe leisten.
    Mann, wir haben doch schon so genug auf die Beine zu stellen!?
    Deswegen NO-Olympia!!

  3. Jan Schlößer

    Die Kampagne ist echt bescheuert. Ändert aber nichts daran, dass Olympia in Hamburg nur emotional zu rechtfertigen ist und nicht rational. Deswegen ist das Ganze für mich auch simpel: Wer das alles durchrechnet, der muss es ablehnen, wer es einfach geil findet, muss zustimmen. Es gibt nun mal kein Großereignis auf dieser Welt, schon gar kein kulturelles, dass sich rational begründen ließe.

  4. Martin

    Eine der unnötigsten Werbekampagnen, die es je gegeben hat. Alleine schon die leeren Wortphrasen auf den Plakaten lösen bei mir einen Brechreiz aus….

    Von den darauf abgebildeten (Fake-) Personen ganz zu schweigen. Für wie Idiotisch hält man uns eigentlich!?

  5. Björn

    Ich finde, die Kampagne benennt die wichtigen Punkte: Die Spiele ermöglichen Hamburg (1.) 8000 neue Wohnungen, (2.) Modernisierung der Infrastruktur und der Breitensportstätten (3.) zur Modellstadt für Sport und Inklusion zu werden, (4.) wichtige wirtschaftliche Impulse für Arbeitsplätze und (5.) vor allem ein starkes Signal für Toleranz und Frieden zu senden. Hamburg macht keine verrückten Sachen, sondern will anständige Spiele. Für Hamburg 2024 braucht es Mut. Den habe ich und appelliere an alle anderen auch, die Zukunft positiv zu gestalten – mit Spielen, die zum Vorbild werden.

    • Sarah

      Ich finde, die Kampagne benennt die wichtigen Punkte: Die Spiele ermöglichen Hamburg (1.) 8000 neue Wohnungen,

      „Die Grenzen des olympischen Wachstums liegen in der Aufwertung des Miet- und Immobilienmarktes:

      Die Wohnungen, die aus dem Olympischen Dorf entstehen, werden nicht zu einer spürbaren Erweiterung des Wohnraums in Hamburg führen. Mit Olympia werden Mietsteigerungen um 30% in Verbindung gebracht. Gerade mit einem Ausbildungsgehalt oder als Student ist es bereits schwer eine bezahlbare Wohnung zu finden , so wird aus den attraktiven Vierteln verdängt. Hamburg würde noch lukrativer für Geldhaie. Die Folge: Grundstücksspekulationen und weiter steigende Mieten.

      (2.) Modernisierung der Infrastruktur und der Breitensportstätten

      Die Befürworter versuchen uns einzureden, durch Olympia würde der Breitensport gestärkt werden. Doch das Gegenteil ist der Fall! In der wachsenden Stadt werden jetzt dringend viele kleine dezentrale Sportstätten in den Vierteln gebraucht statt einiger zentralen Großstadien für den Spitzensport. Wir haben außerdem keinen Bock auf das IOC (Internationales Olympisches Komitee), das den Sport durch Korruption und andere Skandale in den Schmutz zieht. Ihnen geht es nur um den Profit!

      (3.) zur Modellstadt für Sport und Inklusion zu werden,

      Dem Trugschluss, die olympischen Spiele 2024 könnten mit Hamburg nachhaltig werden, deutet schon jetzt die Stadtentwicklung entgegen. Mit dem Konzept der „Olympia-City“ sollen ansässige Hafenbetriebe mit ihren insgesamt 2.500 Mitarbeitern umgesiedelt werden, alleine hierfür sollen die Kosten 1,3 Milliarden Euro betragen. Zusätzlich wird bei der Zuschüttung des Travehafens Naturfläche betoniert. Auch wird die Luftqualität in Hamburg durch neue Großbaustellen, zusätzlichem Auto-, Flug- und auch Schiffsverkehr abnehmen. Es wird zu einer deutlichen Verkehrsklimaverschlechterung für den Radverkehr kommen.

      (4.) wichtige wirtschaftliche Impulse für Arbeitsplätze

      Olympia wird Milliarden kosten! Geld, das jetzt schon an allen Ecken und Enden fehlt, etwa wenn es um Sportplätze, Schwimmhallen, Jugendhäuser oder bezahlbaren Wohnraum für junge (und alte) Menschen geht. Vergangene Olympische Spiele, aber auch Großbauprojekte in Deutschland wie die Elbphilharmonie in Hamburg zeigen: Für derartige Vorhaben wie Olympia sind die Kosten am Ende immer um ein vielfaches höher als geplant. Sitzenbleiben wird auf den Kosten die Stadt Hamburg und insbesondere unsere Generation. WIR zahlen nicht für EUER Fest!

      (5.) vor allem ein starkes Signal für Toleranz und Frieden zu senden.

      Scharfschützen auf den Dächern, Überwachungskameras an den Wänden und Helikopter in der Luft, kaum einen Meter kann man sich bewegen, ohne das mehrere Augen prüfende Blicke auf einen werfen, um festzustellen, ob man nicht ein potentieller Terrorist sei. Damit die Polizei den vermeintlich mit Sprengstoff und munitionsbeladenen Terroristen nicht nur mit Schlagstock entgegensteht, muss sie natürlich auch mit paramilitärischem Gerät ausgestattet werden. Sicherheit geht halt vor. Ein Horrorszenario? Nein, Realität bei den letzten beiden Olympischen Spielen 2014 in Sotchi und 2012 in London. Reale oder von staatlichen Stellen erfundene Bedrohungen werden im Rahmen der Spiele zur Rechtfertigung von Überwachungsmaßnahmen und Polizeiaufrüstung in wahrhaft olympischem Ausmaß genutzt werden. Und wenn die Olympischen Spiele kommen, dann darf gegen all diesen Irrsinn auch nicht mehr demonstriert werden, da das IOC sich vorbehält, olympiakritische Demonstrationen einfach zu verbieten. Deswegen ein klares Nein zu Überwachungswahn und Verkauf unserer Grundrechte, NEIN zu Olympia in Hamburg.

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